„Ein Lächeln ist manchmal wichtiger als ein Salatkopf“

Artikel in der neuen „Naturfreundin“ zur Lebensmittelausgabe für Bedürftige im Naturfreundehaus Köln-Kalk, unredigierte Fassung.

Das Naturfreundehaus Köln-Kalk versteht sich als soziales Zentrum für den ehemaligen Arbeiterstadtteil, in dem heute viele arbeitslose und arme Menschen leben. Um Ausgrenzung und Vereinzelung entgegenzuwirken und die Not etwas zu lindern haben wir Anfang 2009 eine Lebensmittelausgabe für Bedürftige eingerichtet.

Die ca. 200 regelmäßigen Besucher kommen aus allen Altersgruppen. Ungefähr 70 Prozent sind arbeitslos, viele durch körperliche oder seelische Krankheiten aus ihrem Leben herausgefallen. Mitorganisator Günter erklärt: „Stell Dir vor Du musst von einem Monat auf den Nächsten mit 350 statt mit 1.500 Euro auskommen. Man kann nicht erwarten, dass das jeder sofort kann, das muss man erst lernen. Die Schamgrenze ist sehr hoch, es gibt viele Tränen. Ich versuche den Leuten klar zu machen, dass es keinen Grund zum Heulen gibt, dass es am System liegt und nicht an ihnen selber. Andererseits will ich sie ermutigen, für sich verantwortlich zu sein und sich für ihre Interessen einzusetzen. Sie sollten sich nicht als Bettler, sondern als Bürger mit Rechten sehen.“
Die kleine Tochter einer neu aus Usbekistan eingewanderten Familie hatte sich anfangs sehr geschämt, als sie für die Familie erklären musste, dass sie nicht genug Geld für Essen haben. Ihr wurde erklärt, dass die Eltern es gerade sehr schwer hätten aber genauso wertvoll wie jeder andere seien. Jetzt freut sich das Mädchen schon Montag auf den gemeinsamen Besuch im Haus, berichtete die Mutter.
Die Besucher können die zeitgleich im Haus stattfindende Beratung durch die „Kölner Erwerbslosen in Aktion (KEA)“ nutzen, Begleitung bei Amtsgängen wird angeboten. „Ein- oder zweimal, bis die Leute selbstbewusst genug sind“, so Günter.
Wichtiger noch als die materielle Hilfe ist der freundliche Empfang der Gäste. „Ein Lächeln ist manchmal wichtiger als ein Salatkopf. Wir laden die Leute erst Mal zum Ankommen und in Ruhe einen Kaffee trinken ein. Sie können mitbestimmen, was sie bekommen, es gibt keine fertig gepackten Tüten. Der Junggeselle will vielleicht keinen Blumenkohl kochen und die Vegetarierin möchte sicher keine Wurst“. Und es soll immer Zeit sein, sich die Sorgen der Leute anzuhören und Auswege aufzuzeigen. Günter: „Wir sind immer zuständig, das ist hier kein Amt“.
Einige Ämter dagegen schicken inzwischen Menschen mit den verschiedensten Nöten ins Haus und lassen uns kostenlos die Arbeit machen, für die sie eigentlich da sind. Der Staat lässt Arme und Kranke zunehmend im Stich und setzt auf Almosen und Ehrenamt. Insofern sind wir mit unserer Nothilfe Teil des Problems und noch nicht seiner Lösung.

——————
Das Team: Günter, 67 Jahre, seit 16 Jahren ehrenamtlicher Sozialarbeiter (Suchtberatung), Hartmut, ehrenamtlicher Mitarbeiter, sowie Micha, Rehzi und Stefan vom Haus. Unterstützung durch die Kölner Tafel, lokale Geschäftsleute und soziale Einrichtungen.

Dieser Beitrag wurde unter News/Termine veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.